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Unterschiedliche Formen von Pensionskassenmodellen und ihre Auswirkung auf die Rentensicherheit

Im September 2017 stimmten wir über die Reform Altersvorsorge 2020 ab. Ziel dieser Vorlage ist es, mittels verschiedener Massnahmen in der 1. und 2. Säule das bisherige (Alters-)Rentenniveau auf längere Zeit zu erhalten. 
Das Niveau zukünftiger Altersrenten hängt jedoch nicht nur allein von der Annahme der Reformvorlage ab, sondern wird massgeblich auch durch die finanzielle Verfassung der Pensionskasse und das Vorsorgemodell bestimmt.

Rentenstabilitaet

Vollversicherung

Vollversicherungsmodelle zeichnen sich dadurch aus, dass sämtliche Risiken wie Tod, Invalidität, Langlebigkeit sowie auch die Anlagerisiken durch einen Versicherungsvertrag abgedeckt sind. Ein Unternehmen schliesst sich mittels Anschlussvertrag einer durch einen Lebensversicherer betriebenen Sammelstiftung an. Der Versicherer garantiert gegenüber dem Unternehmen (dem sog. Vorsorgewerk) den Werterhalt der Altersguthaben unabhängig von der Entwicklung auf den Finanzmärkten. Der Deckungsgrad einer Vollversicherung beträgt immer mindestens 100%, eine Unterdeckung ist ausgeschlossen. Der Arbeitgeber, die Arbeitnehmenden und Rentner müssen nie eine Sanierung der Pensionskasse mitfinanzieren oder befürchten, dass ihre Vorsorgeleistungen als Folge einer Unterdeckung herabgesetzt werden. Dafür gibt der Lebensversicherer eine Garantie ab und haftet mit seinem Eigenkapital.

Voll- und teilautonome Pensionskassen

Anders sieht die Ausgangslage bei voll- und teilautonomen Vorsorgeeinrichtungen aus. Während eine vollautonome Vorsorgeeinrichtung sämtliche Risiken selbst trägt, transferiert eine teilautonome Pensionskasse die Risiken Tod und Invalidität an eine Versicherungsgesellschaft; einzig das Anlagerisiko verbleibt bei ihr selbst. Fällt der Deckungsgrad unter 100% (sog. Unterdeckung, welche dann vorliegt, wenn das Vermögen der Vorsorgeeinrichtung für die Finanzierung aller laufenden und zukünftigen Leistungen nicht ausreicht), müssen geeignete Sanierungsmassnahmen ergriffen werden, um den Deckungsgrad innert angemessener Frist wieder auf mindestens 100% zu erhöhen.
Aufgrund des für alle Pensionskassen gleichermassen anspruchsvollen Tiefzinsumfelds, der tiefen langfristigen Renditeerwartungen an den Kapitalmärkten und der kontinuierlich steigenden Lebenserwartung haben auch grosse Unternehmen mit eigenen, guten Pensionskassenlösungen (vollautonome Vorsorgeeinrichtungen) längst damit begonnen, überobligatorische Vorsorgeleistungen zu kürzen (Senkung des Umwandlungssatzes) und zukünftige Rentenleistungen anhand eines tieferen technischen Zinssatzes zu kalkulieren. Solche Anpassungen erfolgen mit dem Ziel einer langfristigen Rentensicherung und der Vermeidung einer Unterdeckung.

Öffentlich-rechtliche Pensionskassen

Bei öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen ist zwischen solchen mit Staatsgarantie und jenen ohne staatliche Ausfalldeckung zu unterscheiden. Seit 2012 hat sich die Anzahl der Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie von 66 auf aktuell noch 39 Einrichtungen reduziert. Für sie gilt ein gesetzlicher Deckungsgrad von 80%, welcher bis ins Jahr 2052 erreicht werden muss. Einer der Gründe für ihre desolate Situation sind die viel zu grosszügigen Rentenversprechungen aus der Vergangenheit; einzuspringen für diese Versprechungen haben auch die Steuerzahler.
Für staatliche Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie gelten dieselben Regeln wie für alle anderen Kassen; sie müssen vollkapitalisiert sein und einen Deckungsgrad von mindestens 100% ausweisen. Die Ausfinanzierung ehemaliger öffentlich-rechtlicher Pensionskassen geht aber nicht ohne politische Nebengeräusche, wie die Beispiele der Pensionskassen des Kantons St. Gallen und der Stadt Winterthur zeigen.

Passende Vorsorgelösung finden

Für welchen Betrieb sich welche Lösung eignet, kann nicht generell beantwortet werden. Je nachdem ob maximale Sicherheit oder höhere Verzinsung der Alterskapitalien im Vordergrund stehen, fällt der Entscheid anders aus. Allgemein kann gesagt werden, dass Pensionskassen mit hohen Wertschwankungsreserven und tiefen technischen Zinssätzen als finanziell gesund zu betrachten sind.
Gemäss dem Bericht der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen 2016 wiesen 88% der privat- und der öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie einen Deckungsgrad von mindestens 100% aus. Der entsprechende Anteil bei den öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie betrug per Ende 2016 nur gerade 4%.

An der Höheren Fachschule für Versicherung HFV werden in verschiedenen Fächern wichtige sozialpolitische Themen sowie Veränderungen im direkten und indirekten Umfeld der Versicherungswirtschaft diskutiert und aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet, damit die Studierenden fundiert und aktiv zur Meinungsbildung beitragen können.

Autor Philippe Catalan, Geschäftsführer FIAM Finance Insurance and more GmbH

publiziert am 24.11.2017. Im Auftrag der Höheren Fachschule für Versicherung.

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