AKAD College Claim

Vorlesung von Nationalrat Dr. Bastien Girod

1. Februar 2013: Das erste Referat im Rahmen der neu lancierten Ringvorlesung am AKAD College bot genau das, wofür die Veranstaltung gedacht ist: Eine Plattform für den Austausch zu brennenden Fragen der Gegenwart. Was ist Glück? Dieser Frage ging der bekannte grüne Politiker Bastien Girod nach und skizzierte seine Vision, wie man von einer ‚laisser-faire‘-Gesellschaft zu einer sozialen und ökologischen Marktwirtschaft gelangen kann.

Das zahlreich erschienene Publikum folgte den Ausführungen des Vizepräsidenten der grünen Partei der Schweiz aufmerksam. Interessant waren Girods Betrachtungen zum Begriff Glück aus ökonomischer Sicht. Mehr Wohlstand führt ab einem gewissen Niveau offenbar nicht zu mehr individuellem Glück, d. h. das Wohlbefinden ‚stagniert‘. Gewiss, das persönliche Mass an Glück lässt sich nicht so einfach als numerischer Wert in eine Skala zwängen. Doch die moderne Forschung hat beträchtliche Fortschritte gemacht, so dass sich trotz der subjektiven Einschätzung jedes einzelnen Menschen ein Glücksindex als gesamtgesellschaftliche Grösse erstellen lässt. Und so zeigt sich unter anderem, wie  der Glückswert in den USA seit den 50er Jahren vor sich hin dümpelt, obwohl sich das dortige Durchschnittseinkommen teuerungsbereinigt vervielfacht hat. Bastien Girod erklärt dieses Phänomen unter anderem  mit den Tretmühlen des Glücks, die Mathias Binswanger in einem gleichnamigen Buch beschreibt. Demnach währt die Freude des modernen ‚Homo oeconomicus‘  über ein neues, grösseres Auto in der Regel nicht lange. Das Glück des Wohlstand unterliegt in der Konsumgesellschaft einer raschen Halbwertszeit: Schon bald fährt ein anderer in einem noch schneidigeren Wagen vorbei. Neid und das Begehren nach noch mehr stören den kurzen Seelenfrieden.

Reflexionen auslösen

Ob und wie die Energiewende, wie sie Bastien Girod vorschwebt, in Kombination mit einer sozialen und ökologischen Marktwirktschaft gelingt, lässt sich im Detail nicht vorhersagen. Eines indessen hat sein Referat mit Sicherheit ganz im Sinn der Ringvorlesung erreicht: Seine Ideen, seine Thesen und seine Forderungen lösten bei jedem Zuhörer eigene, durchaus kritische Reflexionen. Damit animiert die Ringvorlesung zum  Nachdenken weit über den Anlass hinaus. Ob Glück, ob gesamtgesellschaftliches ökonomisches Zusammenwirken oder Umgang mit den begrenzten Ressourcen auf der Erde – diese Themen haben etwas gemeinsam. Sie gehen uns alle an. Und, so lehrt es Dürrenmatt schon in den Physikern: was uns alle angeht, können nur alle gemeinsam lösen.

Vorlesung von Abt Martin Werlen

27. Mai 2013: Abt Martin Werlens Plädoyer für Ehrlichkeit

Von seiner Schrift, miteinander die Glut unter der Asche entdecken, war die Erstauflage von 1000 Exemplaren im Nu ausverkauft. Mittlerweile ist das Büchlein in mehrere Sprachen übersetzt und in Schweizer Buchhandlungen in der 6. Auflage erhältlich. Martin Werlen, Abt des Klosters Einsiedeln, hielt vor einem hoch interessierten und zugleich kritischen Publikum im dicht gefüllten Auditorium an der Jungholzstrasse Ende Mai ein packendes Plädoyer: Sich einer Situation stellen - sei sie auch noch so schwierig - und dann das Beste daraus machen. Das klingt zunächst einfach und fast nach einem etwas plakativen 'Kochrezept'.

Auch in Tiefpunkten die Chanceen sehen

Doch bei näherer Betrachtung realisiert man, dass es hierzu viel Engagement oder, um beim Vergleich mit der Glut zu bleiben, 'feu sacré' braucht. Individuelle Herausforderungen verlangen uns zunächst Ehrlichkeit und dann intensive Reflexion im Sinne eines Reifungsprozesses ab, um auch bei Schicksalsschlägen das Positive, bestenfalls die sich gerade im Tiefpunkt bietende Chance zu erkennen und zu nutzen. Von den zahlreichen Beispielen zur Untermauerung war die Geschichte des 18-jährigen, viel versprechender Nachwuchsgeigers besonders eindrucksvoll, dessen Zukunftspläne ein Autounfall jäh zerstörten.  Doch Franz Welser-Möst verfiel weder dem Fatalismus noch haderte er mit dem Schicksal. Er verdrängte vor allem nicht die Situation, so wie sie für ihn jetzt plötzlich war - und brachte es zum Chefdirigenten der Wiener Philharmoniker. Je nachdem muss man mehr oder weniger Asche wegblasen, um die Glut wieder zu entdecken und mit ihr Resignation, Lethargie und Apathie. Abt Martin, der am Gymnasium der Klosterschule Einsiedeln übrigens Philosophie unterrichtet, ist überzeugt: "Diese grosse Kraft und schlummert in jedem von uns."     

Höre und du wirst ankommen

 Ausculta et pervenies - Höre und du wirst ankommen. So lautet der Wahlspruch von Abt Martin Werlen.

Vorlesung von Prof. Dr. Mario Andreotti

19. September 2013: «Was sind die Kriterien für gute, zeitgemässe Literatur?» Mario Andreotti zeigte in der dritten Vorlesung der Reihe «Wie unsere Zeit verstehen» die Kriterien für die Wertung von Literatur auf. Wie nicht anders erwartet veranschaulichte der praxisnahe Literaturwissenschaftler mit vielen prägnanten Textauszügen den interessierten Laien die Theorie.

Zu Beginn seines Vortrages schockte Mario Andreotti die zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörer: Gemäss Studien lese jeder Vierte nie in seinem Leben ein Buch. Es werde immer weniger gelesen. Dennoch werde mehr denn je geschrieben. Mehrere Tausend Bücher erschienen jährlich neu, der grösste Teil davon mehr oder weniger konventionell geschrieben. Für viele plötzlich bejubelte Autoren bleibe es dabei bei einem kurzfristigen Saisonerfolg. Grosse Verlage erhielten bis zu 6‘000 unverlangte Manuskripte pr      o Jahr. Sehr oft entscheide dann der erste Satz, ob ein Manuskript verlegt wird oder nicht. Aber welches sind die Kriterien, damit ein vielbeschäftigter, überarbeiteter Lektor weiterliest?

Literatur muss wirken!

Während normative Poetik definiere, dass gute Literatur nur entstehe bei Einhaltung von vorgegebenen Regeln wie der Berücksichtigung der Einheit von Ort, Zeit und Handlung verträten Gegenpositionen die Meinung, dass es für ein Dichterwerk keine Regeln gebe, da es sich um individuelles und subjektives Schaffen handle. Aber jeder literarische Text entstehe vor dem Hintergrund bekannter Literatur, werde durch diese bereichert und könne meist auch nur dank dieses Hintergrundes die das Werk ausmachende Tiefe vermitteln.

Die Erwartungen des Lesers durchbrechen

Gemäss Mario Andreotti ist es etwas anderes, was gute Literatur ausmacht: Die Erwartungen des Lesers sollen durchbrochen werden. Mechanik und Vorhersehbarkeit soll unbedingt vermieden werden. Die Leserin und der Leser sollen sich nicht mit den Figuren identifizieren, sondern das Werk soll die Leserin und den Leser zur Reflexion anregen. Literatur dürfe nicht im Privaten verweilen, sondern auf das Allgemeine verweisen. Deutungsoffenheit ist das entscheidende Kriterium.

 

Die Ausführungen von Mario Andreotti wurden von zwei künstlerischen Einlagen der St. Galler Autorin Andrea Martina Graf bereichert: Sie komponierte Wörtern, Silben und Wortstummeln  zu Geschichten aus Klängen, Geräuschen und Rhythmen.