Der Mut zum Verzicht öffnet neue Perspektiven

Eine Balance zwischen Ausbildung, Erwerbstätigkeit und Freizeit zu finden, fällt vielen Jugendlichen schwer. Oft ist das Fuder überladen. Im Gespräch mit dem bekannten Jugendpsychologen Allan Guggenbühl lotete KAKADU aus, wie dem abzuhelfen ist.

14. Dezember 2017

Durch Ihre Karriere überblicken Sie einen langen Zeitraum. Welches sind die grössten Veränderungen in der Grundeinstellung von Jugendlichen innerhalb der letzten 20 bis 30 Jahre

Es gibt heute meines Erachtens eine stärker ausgeprägte Separation. Jugendliche und Erwachsene verbringen ihre Freizeit vorwiegend getrennt voneinander. Jugendliche bleiben meist unter sich: innerhalb der neuen Kommunikationskanäle und innerhalb einer Partyszene mit äusserst breitem Angebot. Das stellt viele aber auch vor die Qual der Wahl. Manche gehen aus dem Bedürfnis nach Anschluss und Zugehörigkeit an Anlässe, ohne recht zu wissen, was sie dort tatsächlich wollen oder was ihnen die Präsenz bringt.

Lässt sich überhaupt sagen, bis wann man Jugendlicher und ab wann man Erwachsener ist?

Die Grenzen sind fliessender geworden. Einerseits wird der Übergang von der Gesellschaft weniger deutlich markiert, unter anderem weil Initiierungen mit Ritualcharakter nicht mehr den gleichen Stellenwert haben. Der Lehrabschluss, die Matura, die RS oder ein abgeschlossenes Studium sind Beispiele dafür. Im Kontext von «lifelong learning» verliert ein einzelnes Diplom ein Stück weit den Charakter eines biografischen Meilensteins. Andererseits leben viele zwischen 20 und 30 Jahren in einem – wie ich es nenne – psychosozialen Moratorium. Sie sind in einem frei flotierenden Zustand, in dem noch alles möglich scheint.

In vielen Branchen sind Berufliches und Privates eng verquickt. Vor allem die zeitlichen Trennlinien sind heute nicht mehr klar. Stellen Sie einen Einfluss auf das Freizeitverhalten der Jugendlichen fest?

Lehrbetriebe und Schulen achten meines Erachtens durchaus darauf, dass ihren Schützlingen genügend arbeits- und unterrichtsfreie Zeit bleibt. Es sind eher die Jugendlichen, die, wie angedeutet, mit dem Freizeitangebot überfordert sind. Etliche sind zu Wochenbeginn übermüdet. Vor diesem Hintergrund sind Forderungen zu hören, zum Beispiel den Montagvormittag schulfrei zu haben. Aus meiner Sicht ist das keine Lösung. Erwachsen werden heisst auch, Verantwortung für sich selbst wahrnehmen zu lernen, sodass keine regelmässigen Defizite in den Ressourcen entstehen.

Worauf führen Sie es zurück, dass viele Jugendliche die Zeitspanne von Freitag- bis Sonntagabend möglichst exklusiv für Freizeitaktivitäten reservieren?

Das eine tun und das andere – zum Beispiel zur Schule gehen – nicht lassen, fällt vielen schwer. Es hängt ein Stück weit damit zusammen, dass unsere Gesellschaft in vielem – so auch in Schule und Ausbildung – einen sehr reduktionistischen Ansatz verfolgt. Man trifft sich am Samstag, um in möglichst kurzer Zeit im Präsenzunterricht eine geballte Ladung Stoff zu bewältigen. Ich denke, dass hier mehr flankierende Möglichkeiten für den ungezwungenen, informellen Austausch wertvoll wären.

Zum Beispiel ein gemeinsamer Apéro am Ende eines samstäglichen Schulmarathons?

Apéros sind vielleicht etwas inflationär, zudem ist der Austausch da – Stichwort Small Talk – meist sehr beliebig. Aber es könnte ja, selbstverständlich für Studierende und Dozierende auf absolut freiwilliger Basis, den Versuch wert sein, im Sommer gemeinsam am See zu grillieren. Jedenfalls gibt es Kulturen wie zum Beispiel Japan, in denen diese Form des Zusammenseins gang und gäbe ist. Faktisch entsteht dadurch ein attraktives Freizeitangebot als Gegenpol zur Oberflächlichkeit vieler Partys.

Um international wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir arbeiten und uns laufend weiterbilden. Das Privatleben soll dabei aber nicht auf der Strecke bleiben. Was empfehlen Sie jungen Menschen, um alles unter einen Hut zu bringen?

Die ehrliche Antwort lautet, von der Illusion wegzukommen, dass man alles, was man sich wünscht, unter einen Hut bringen kann.

Jugendliche sollten mehr Mut zur Lücke haben?

Ich gehe noch weiter: Der Mut zum Verzicht öffnet neue Perspektiven. Auf Dauer bietet das Auskosten von Partyszenen verschiedenster Schattierungen keine Befriedigung. Wer es wagt, die Zeit dort einzusetzen, wo wahre innere Begeisterung schlummert, gewinnt. So entdeckt man seine Berufung und findet, auch mit den richtigen Aus- und Weiterbildungen, zum richtigen Beruf.